Philosophie

Schon die antike Philosophie hat die Vorstellung geprägt, dass der Mensch nicht nur mit Vernunft und Sprache begabt (zoon logon echon), sondern dass er auch ein gemeinschaftliches Lebewesen (zoon politicon) sei. Aristoteles meinte damit in seiner Staatsschrift ‚Politik‘ im 4. Jhd. v. Chr., dass der Mensch ein gutes, glückliches oder gelungenes Leben nur leben kann, wenn er soziale Beziehungen eingeht und in eine Gemeinschaft eingebunden ist. Dabei geht es nicht nur um pragmatische Gründe, etwa die gemeinsame Behauptung gegen Widrigkeiten des Lebens. Vielmehr bergen Interaktion, Kooperation und das Verfolgen gemeinsamer Ziele einen Sinn in sich als wesentliche Voraussetzungen für ein gutes Leben. Oder anders formuliert: Der Mensch braucht und will Freundschaft und Gemeinschaft, um glücklich zu sein.

Ein anderes Verständnis vom Menschen und von menschlicher Gemeinschaft findet sich in der These, dass der Mensch im Wesentlichen ein Einzelgänger sei, der sich lediglich in einer Art Zweckgemeinschaft mit anderen zusammenschließt. Diese Sichtweise erwuchs aus der Wahrnehmung von gesellschaftlicher Zersplitterung und grundlegenden Umbrüchen, die seit der frühen Neuzeit als fundamentale Bedrohung empfunden wurden. Vor diesem Hintergrund werden – theoretisch – Regeln vereinbart, um Zusammenarbeit zu organisieren und um sich vor Gefahren durch andere zu schützen. Hier ist der Mensch dem Menschen ein Wolf (homo homini lupus), es geht um Sicherheit. Das bedrohte Individuum wird – wenig transzendental – v.a. als Träger von Eigentum definiert, und Regeln sind jenes Konstrukt, das ihm seine Existenz in dieser Aggregatsform in einem gesellschaftlichen Kontext sichert. Das friedliche Zusammenleben wird durch Gesellschaftsverträge erreicht und bewahrt, wie sie bei Hobbes, Locke, Kant oder im 20. Jahrhundert bei Rawls erdacht wurden.

Unabhängig davon, welcher Argumentation man folgen will: Damit Gemeinschaft funktioniert, braucht sie Regeln, Werte und Normen. Oder: Das Nebeneinander von Individuen wird Gemeinschaft, wenn eine normierende Struktur sich ausbildet. Lange Zeit existierte die Vorstellung, es gäbe für alle gleichermaßen gültige Tugenden, die etwa – metaphysisch begründet – durch einen Gott oder eine Vorstellung aus dem Jenseits in die Welt gebracht und vorgegeben wurden. In der Frühen Neuzeit entwickelten sich andere, vernunftgeleitete, jedenfalls nicht metaphysisch motivierte Auffassungen von und Begründungen für richtiges Handeln, etwa die auf Pflichten ausgerichtete Ethik bei Kant mit dem kategorischen Imperativ („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ in der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“, 1785) oder die auf einen größtmöglichen Nutzen für alle ausgerichtete utilitaristische Ethik bei Bentham oder Mills.

Heute erkennt man an, dass es eine Pluralität von Werten gibt, die sich aus unterschiedlichen Quellen, Religionen und Kulturen speisen. Akzeptanz und Toleranz sind dann wichtig, wenn Menschen interagieren, die in unterschiedlichen Wertekontexten beheimatet sind, und gleichzeitig einen gelingenden Umgang miteinander anstreben. Sie verlangen nach der Bereitschaft und dem Vermögen, anderen zuzuhören, sich empathisch in ihre Lage zu versetzen und das eigene Handeln im Rahmen eines übergeordneten Ziels zu bestimmen. Woher aber weiß der oder die Einzelne, was richtiges, gutes Handeln ist? Nicht nur rationale Argumentation, sondern gerade auch (Mit-)Gefühl spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Antwort darauf kann nur durch Interaktion mit anderen, durch Kontakt mit Vorbildern, durch Dialog, aber auch durch die Austragung von Konflikten gefunden werden.

Von oben herab verordnen lässt sich ein werteorientiertes Miteinander jedenfalls nicht. Der Berliner Sozialphilosoph Hans Joas formuliert das so: „Menschen fühlen sich nicht an Werte gebunden, weil ihnen jemand gesagt hat ‚du sollst dich gefälligst an diesen Wert gebunden fühlen‘. Moralpredigten sind ein besonders ineffektives Verfahren der Werteerziehung.“ (Joas 2006, S. 1-2). Menschen müssen ihre Regeln für ein gelingendes Miteinander entwickeln. Dafür braucht es neben guten Vorbildern auch eigene Räume und Anlässe für Unterhaltung, Kreativität, Diskussion und Gemeinschaft. Dieser Prozess ist allerdings nicht voraussetzungslos; die Determinanten, unter denen ein solcher Weg beschritten werden kann, sind zum einen die Akzeptanz des Objektfeldes, für das die Regularien entwickelt werden (z.B. für das Zusammenleben in einer Familie, in der Schule, auf dem Sportplatz, in einem politischen Gebilde, etc.), zum anderen die unumstößliche Achtung der prozessualen Methodik und der ihr zugrunde liegenden Norm: So ist das methodische Prinzip der „Achtung der Meinung jedes Beteiligten“ untrennbar mit der Norm verbunden, dass der einzelne beteiligte Mensch eine voraussetzungslose Dignität besitzt, die jedem gemeinschaftlichen Prozess vorausgeht. Dass diese Dignität ein doch solitäres Signum der christlich-abendländischen Denk- und Glaubensüberzeugung darstellt, erweist wiederum, dass die einzige nachhaltige Form der Implementierung von Normen in Gemeinschaften – nämlich der Weg der gemeinsamen Entwicklung dieser Normen – ein inhaltliches Leitbild voraussetzt, das die Norm und das Verfahren gleichermaßen prägt.

Diese Dialektik wird von Jürgen Habermas 2001 bündig dargelegt: Bezogen auf den liberalen Staat formuliert Habermas, dass dieser „in Anbetracht der religiösen Herkunft seiner moralischen Grundlagen“ damit rechnen müsse, „dass die ‚Kultur des gemeinen Menschenverstandes‘ (Hegel) angesichts ganz neuer Herausforderungen das Artikulationsniveau der eigenen Entstehungsgeschichte nicht einholt.“ Das soziale Band gehe nämlich „in den Begriffen des Vertrages, der rationalen Wahl und der Nutzenmaximierung nicht auf.“ (Börsenverein des deutschen Buchhandels (2001): Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2001. Jürgen Habermas. Ansprachen aus Anlass der Verleihung. Frankfurt a. M., S. 13.).

Das Projekt Gemeinsam FairHandeln funktioniert in dieser Dialektik, in der weitest gehende Diskursfreiheit an ein nicht zu hintergehendes, normatives Fundament gebunden bleibt.